Schuhhaus Schüttfort GmbH

100 Jahre „Liebe zum Schuh“

Abb.:G. Rühlmann, “Deine Feinde fallen unter deine Sohlen”. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Universität Halle 20 - 1971 , S. 74, Abb. 21

Liebe“ lässt sagen: „Wie gut, dass es Dich gibt“.

Nur 100 Jahre? Ja ! - Obwohl die Königssandalen des altägyptischen Königs Tutanchamun - mit den eingravierten Bildern seiner Feinde - Zeugnis ablegen von einer langen Geschichte menschlicher Fußbekleidung. Dennoch sind 100 Jahre Schuhe und Schüttfort ein Anlass zur Darstellung der vergangenen Jahre, mit ihren Schwierigkeiten und Anstrengungen, aber auch mit den Erfolgen, den frohen Stunden und den menschlichen Beziehungen im zeitgeschichtlichen Zusammenhang.

Am 1. Juli 1911 – 19 Tage vor dem 20. Geburtstag - beginnt die Selbstständigkeit von Friedrich Vincent Konrad, genannt Fritz Schüttfort. Geboren in Dortmund kam er als Kleinkind zu Tante und Onkel Richter nach Hamburg. Mit dem „Einjährigen“ verließ er die kath. Schule am Alsterufer und erwarb daran anschließend Grundkenntnisse des Im- und Exporthandels bei der Firma Matzner in Hamburg.

In seiner Freizeit beschäftigte sich Fritz Schüttfort mit der Malerei. Vier Ölbilder sind noch vorhanden, zwei davon mit dem Jahresdatum 1911: eines gewiss als ein Geschenk an seine spätere Frau, deren Vorname „Else“ in der Blumenranke lesbar ist. Ein Anderes von der Bergedorfer „Petri und Pauli Kirche“ mit der Spiegelung des Turmes im Wasser. In späterer Zeit war er ein geachteter Fotograf, dessen Bilder auch Zeitdokumente wurden, so z.B. Fotos aus dem ersten Weltkrieg und aus seiner Zeit beim Volkssturm im zweiten Weltkrieg.

Die frühe Selbstständigkeit – zur Sicherung der Pflegeeltern – war wie ein Sprung ins Wasser ohne Schwimmweste. An den sorgfältigen Aufzeichnungen – fast alle sind erhalten geblieben – erkennt man die Umsicht und Planungssicherheit des jungen Kaufmanns. Das erhaltene „Kopierbuch“ belegt die große Sorgfalt auch in kleinen Dingen und den frühzeitigen Einsatz „moderner“ Hilfsmittel wie der Schreibmaschine. „Zwischen den Zeilen“ erkennt man die Grundhaltung: zuverlässig und ehrlich.

Erster Weltkrieg: Die von Fritz Schüttfort aus der Ferne beratene Restfamilie führt die Geschäfte so gut wie möglich weiter. Die vorhandenen Unterlagen belegen eine erstaunliche Preisstabilität bei eingeschränktem Angebot. Erst nach dem Krieg begann der tiefgreifende Wandel, der in der extremen Inflation 1923 seinen stärksten Ausdruck hatte.

1919 heirateten Fritz Schüttfort und Else Raudies. Gemeinsam waren sie im Schuhhandel tätig und unterstützten finanziell die ältere Generation, die durch die Inflation alle Rücklagen verloren hatte. Den Schwiegereltern Raudies wurde zu deren Existenz ein kleines Schuhgeschäft in Reinbek am „Schmiedesberg“ eingerichtet, welches nach dem Tod von Vater Raudies wieder aufgegeben wurde.

Auf der Suche nach guten Schuhen erweiterte sich der Lieferantenkreis und die Marken „Trommler“ für Kinderschuhe und die Marke „Spieß“ für Damen- und Herrenschuhe stärkten den guten Ruf, den das Schuhgeschäft Schüttfort an seinem Platz hatte. In dieser Zeit trat Fritz Schüttfort auch der Einkaufsgenossenschaft „Nord-West“ bei. Hamburger Schuhkaufleute hatten 1919 diese Genossenschaft gegründet, deren Mitglied die Firma Schüttfort seither geblieben ist.

Fritz Schüttfort war aufgeschlossen für die „Neue Zeit“: Als Taufpate seines Neffen Friedrich Klemenz, der zugleich als „Sonntagsjunge“ mit gleichem Tag und Monat wie er Geburtstag hatte, flog er 1925 mit dem Flugzeug von Hamburg nach Dortmund – mit Zwischenlandung in Bremen. Sein Neffe wurde später Pilot, er selbst bevorzugte für seine Reisen als Hamburger die Frachtschiffe, besonders gern unter dem Kommando des Kapitän Piening.

In den fast 4 Meter hohen Räumen des Geschäftes in der „Großen Straße 6 in Sande“ (heute: Alte Holstenstraße in Hamburg-Lohbrügge) entwickelte er ein „Messgerät für Fußlängen“ – eine Schiebleere mit Millimeter Einteilung. Das Messen der Füße ersparte zunächst viele Wege, stärkte aber auch das Vertrauen in gute Beratung. In späterer Zeit (1934) wurde mittels Röntgenstrahlen im „Pedoskop“ eine Überprüfung des Längenmaßes sichtbar gemacht. Wegen des möglichen Missbrauchs und Gefährdung des Personals wurde die Nutzung dieser Geräte um 1950 verboten.

Nach der Inflation strebte Fritz Schüttfort einen Standortwechsel an. Bei der Zwangsversteigerung des Hauses Sachsenstraße 23 (heute Sachsentor 75) gelang es ihm 1926 das Grundstück zu erwerben. Zunächst galt es bestehende Mietverträge zu beachten. Aber auch die Nutzung der Wohnung im eigenen Haus benötigte die Zustimmung des erst nach dem Krieg entstanden Wohnungsamtes. Nach Auszug des „Bettenhauses Langhans“ im Jahr 1931 schuf Fritz Schüttfort in den Räumen sein Kinderschuhgeschäft, ein Jahr später – nach erfolgter Grundsanierung des Hauses – bezog er die Wohnung und verlegte in die Geschäftsräume sein Schuhgeschäft mit vollem Sortiment.

In der neu eingerichteten Wohnung fühlte sich Fritz Schüttfort als „Schlossherr“. Gern lud er Freunde und Bekannte in sein “Sachsenschloss” ein. Zu der Zeit hatte die heimische Leder- und Schuhproduktion ein sehr hohes Niveau. In Regionen mit großer Tierhaltung und günstigen Wasserverhältnissen gab es gute Gerbereien und von dort war es nicht weit zur entsprechenden Nutzung des Leders im Handwerk und in der Industrie. Bedeutende Zentren entwickelten sich in Sachsen, Baden-Württemberg, der Pfalz und am Niederrhein. Auch in Schleswig Holstein waren gute Betriebe ansässig. Heute sind Gerbereien in Deutschland kaum noch zu finden.

Der 2. Weltkrieg wurde nicht nur für die „Liebe zum Schuh“ eine Katastrophe. Statt über Mode wurde über „Bezugscheine“ nachgedacht. Ohne Bezugschein war ein Schuhkauf nicht möglich. Die Obrigkeit „befahl“ Ware auszulagern, um diese vor Bomben und Brand zu schützen. Genaue Unterlagen bezüglich der Bestände mussten vorgelegt werden. Nach dem Zusammenbruch der Obrigkeit wurden 1945 die Läger geplündert. Es begann die Zeit der „Holzsohlen“ mit „Stoffschaft“. Fritz Schüttfort erbat und erhielt von der Bergedorfer Feuerwache ausgediente Feuerwehrschläuche und ließ daraus Schuhwerk fertigen.

Im März 1947 fragte ein schmächtiger junger Mann in defekter Wattejacke und „fremden Schnallenschuhen“ nach Fritz Schüttfort. Es war die Person, zu deren Taufe Fritz Schüttfort vor 22 Jahren nach Dortmund geflogen war: sein Neffe meldete sich aus russischer Gefangenschaft zurück und wurde herzlich aufgenommen.

Die innere Umstellung von der „befohlenen“ Einschränkung zur Einschränkung in Freiheit dauerte für den Neffen mehr als ein halbes Jahr. In Abstimmung mit seiner Mutter in Soest entschied er sich, in Bergedorf zu bleiben. Nach dem Tod seines „Onkel Fritz“ im März 1969 übernahm er die Führung des Schuhgeschäftes und die Betreuung seiner Tante. Sie starb am 25. August 1979.

Im September 1969 wurde die Vereinigung des Geschäftshauses mit dem angrenzenden Eckhaus (Sachsentor 77) vollzogen. Die dazu erforderliche Planung und Durchführung war noch vor dem Tod des Seniors mit diesem abgestimmt. Der Schusterjunge wurde zum Symbol mit dem Zusatz: „Schüttfort, wenn`s um Schuhe geht“.

Im Innenhof mit Brunnen entstand eine Autobahn für kleine Elektro-Autos, zur besonderen Freude der Kinder. Es war der Höhepunkt konsequenter Bedienung und Beratung mit Betreuung der Kinder. ”Selbstbedienung“ klang wie ein Fremdwort.

Mit dem Jahr 1969 begann Friedrich Schüttfort seine ehrenamtliche „Nebenbeschäftigung“ in den Gremien seiner Genossenschaft „Nord-West Schuheinkaufsgenossenschaft“. In der wohl längsten Generalversammlung in der Geschichte dieser Genossenschaft wurde er in den Aufsichtsrat der neugegründeten „Quick-Schuh GmbH & Co. KG“ gewählt und fünf Jahre später in den Aufsichtsrat der „Nord-West eG“, dem er bis zum Jahr 1989 angehörte, in den letzten 10 Jahren als dessen Vorsitzender.

Nur 5 Jahre nach dem Neubau des Eckgebäudes und der Erweiterung des Verkaufsraumes wurde der ehemalige „Innenhof“ zur Herrenabteilung mit darunter befindlicher Sportabteilung. Alle Verkaufsräume wurden bei dieser Erweiterung an eine Klimaanlage angeschlossen. Der kleine Garten des ehemaligen Innenhofes wurde von nun an als „Dachgarten“ weiter gepflegt und genossen. Auch diese Erweiterung war schon zu Lebzeiten des „Onkel Fritz“ angedacht und erwogen.

In den siebziger Jahren wuchs das Unternehmen durch Übernahme zweier Firmen in Hamburg-Winterhude und Hamburg-Eppendorf. Die Ausdehnung der Firma wurde gestützt durch neue Möglichkeiten der „Datenverarbeitung“, deren heutiger Stand damals nicht zu erahnen war. 1981 eröffnete das Schuhhaus Schüttfort in Hamburg-Lohbrügge ein weiteres Schuhgeschäft mit begrenztem Angebot unter dem Namen „Schuhbrügge“. Wie sich später herausstellte, gelang damit keine Differenzierung für den Verbraucher. In späteren Jahren wurde die Geschäftsstelle unter dem Schriftzug „Schüttfort“ weiterbetrieben bis zum Jahr 2008.

In den Hamburger Stadtteilen Winterhude und Eppendorf wurden die räumlich ungünstig gelegenen Geschäftsstellen geschlossen und in guter Lage in einer größeren Fläche zusammen gefasst. Wido Schüttfort, ältester Sohn der 4 Kinder von Gertrud und Friedrich Schüttfort, begann 1982 nach seinem Betriebswirtschaftsstudium in Hamburg und Traineezeit in Berlin seine Mitarbeit im Schuhhaus Schüttfort.

Zum 75 jährigen Jubiläum waren alle in der Firma Tätigen mit ihren Ehepartnern zu einer Fahrt nach Stade eingeladen. Bei strahlendem Wetter, vorzüglichem Essen und hervorragender Betreuung und Stadtführung wurde es ein gelungenes Fest. In dem Zusammenhang muss auch erwähnt werden, dass es nach Möglichkeit einmal im Sommer einen gemeinsamen Ausflug gab, einer davon mit Fahrrädern über Gudow nach Mölln.

Im Jahr 1990 übernahm Schüttfort das Schuhhaus Backhaus in Harburg, welches seit 100 Jahren in HH-Harburg einen guten Ruf hatte. Wido Schüttfort übernahm die Geschäftsleitung. Unvorhersehbare Schwierigkeiten wurden 1996/97 zu einer besonderen Herausforderung für MitarbeiterInnen und Geschäftsleitung. Aus geplanten Umbau im Sachsentor 75 wurden Abriss und Neubau des Stammhauses. Im September 1997 konnte die Wiedereröffnung gefeiert werden unter dem bewähten Motto: Schüttfort – wenn`s um Schuhe geht

Historisch rückblickend ist festzustellen, dass es kaum ein Jahrhundert gab mit vergleichbar schnellem Wandel wie in den zurückliegenden 100 Jahren.

Friedrich Schüttfort, Juni 2011

1911

Geschäftsfähig

Eine Woche nach seinem 20. Geburtstag wurde der junge Kaufmann Friedrich Vinzent Konrad Schüttfort für
“volljährig” erklärt und war damit im Sinne des Gesetztes voll geschäftsfähig.
Seit 1875 galt als “volljährig” wer 21 Jahre alt geworden ist. Seit 1900 erlaubte eine Ergänzung des Gesetzes
dass man auf Antrag mit 18 Jahren als “volljährig”gelte.

1. Verkaufsstelle

In Sande - etwa 40m von der Bahnschranke entfernt, vermutlich die Aufnahme eines Fotografen. Im hinteren Laden des dreigeschossigen
Hauses befand sich die erste Verkaufstelle. Auf dem vom Vorgänger übernommenen Schriftzug stand:
“Partie Schuhwarenhaus” In der Ladentür steht mit Kittelschürze Frau Martha Noah.

1912

Mobilität im Wandel

Stelzengeher vor dem Geschäft in der "Große Straße 6" - heute Alte Holstenstraße.
Das Hinweisschild "Auto" über dem Pferdekopf kündete vom Wandel zur neuen Mobilität.
Die Markise beschattete die Auslage des Schuhgeschäftes.